Berichte

Mujo

 

 

Die japanische Sprache kennt den BegriffMujo. Alles auf dieser Welt wird früher oder später verschwinden, nichts bleibt wie es ist und alles ändert ständig seine Form. Es gibt weder ewige Stabilität noch unveränderliche Unsterblichkeit. Diese Weltanschauung desMujokommt zwar aus dem Buddhismus, wir erleben sie aber aus einem anderen Zusammenhang als Religion. Die IdeeMujoist in die japanische Seele eingebaut und hat sich von Urzeiten bis heute kaum verändert.(Haruki Murakami)

Nach dem Beben vom 11. März 2011 mussten viele Menschen in Nordjapan mit Tod und Zerstörung fertig werden, sich von ihren Familien trennen oder ihre Heimat verlassen. Viele verloren alles. Für den europäischen Betrachter wirkten sie dabei erstaunlich ruhig und gelassen. Das Konzept des „Mujo“ kann helfen, dies zu verstehen. „Mujo“ bedeutet zu akzeptieren, dass die Natur manchmal grausam zu den Menschen ist, manchmal aber auch barmherzig und gut. Gerade wenn man mit eigenen Kräften nichts mehr ausrichten kann, haben die Japaner gelernt, das Schicksal mit einem Gefühl des „so ist es halt“ anzunehmen. „Sayonara“ („Auf Wiedersehen“) kommt von „Sayode-arunaraba“ (= „So ist es halt“, oder „Wenn es so sein soll“). Es ist sehr schwer, von geliebten Menschen Abschied nehmen zu müssen. Aber man akzeptiert es mit der Hoffnung, dass es eine bessere Zukunft geben wird. „Mujo“ ist eine Art Weisheit, die jeder in sich trägt, um sein Leben in schwierigen Situationen meistern zu können.

Die Japaner sind sich der Tatsache bewusst, dass alles vergänglich ist und die Menschen der Natur gegenüber machtlos sind. Das heißt jedoch nicht, dass man sich blind und fatalistisch seinem Schicksal überlässt. Nach jeder Naturkatastrophe hat man mit viel Mühe versucht, das Land wieder aufzubauen und besser mit der Natur umzugehen, man hat gearbeitet, gehofft und gebetet. Darauf gründet Japans Kultur und Zivilisation. Die wichtigste Aufgabe heute wird sein, Lösungen für die Folgen der von Menschen gemachten nuklearen Katastrophe im AKW Fukushima und für den zukünftigen Umgang mit der Energieversorgung in Japan zu finden.

Ein Jahr nach dem Beben sind wir fest entschlossen, nicht aufzugeben und gemeinsam das Land wieder aufzubauen, so wie es auch unsere Vorfahren gemacht haben. Wir wollen an sie und an die Opfer vom 11. März denken. In Japan sagt man: Menschen können zweimal sterben. Ein erstes Mal körperlich, ein zweites Mal, wenn es niemanden mehr gibt, der an sie denkt. Wir wollen die Opfer vom 11. März nicht ein zweites Mal sterben lassen. Die Kirschblüten fallen herunter, sie verlieren ihre Form, aber sie blühen weiter, solange wir an sie denken.

 

Norie Takabayashi

 

 

 

Tampopo, eine Initiative für den Wiederaufbau der Stadt Onagawa, haben wir im März 2011 direkt nach dem Beben gegründet. Durch unsere Projekte, mehrere Benefizkonzerte und ein Sportevent haben wir insgesamt 10,775 EUR an Spenden erhalten. Wir möchten uns an dieser Stelle bei allen Spenderinnen und Spendern sowie allen Mitwirkenden unserer Projekte bedanken!

Die Gelder wurden an die Bürgerinitiative zum Wiederaufbau der Stadt Onagawa weitergeleitet. Ein Brief, in dem sich die Organisatoren beeindruckt und zutiefst dankbar über die Unterstützung geäußert haben, hat uns gezeigt, dass die Hilfe notwendig war und an der richtigen Stelle ankam. Die Bürgerinitiative unterstützt soziale Projekte, für die es keine staatliche oder kommunale Unterstützung gibt, die jedoch für den Aufbau einer lebendigen Gemeinschaft nicht weniger wichtig sind als Straßen, Schulen, Tankstellen und Krankenhäuser.

Onagawa, ein alter Fischerort, wurde durch das Erdbeben und den Tsunami fast vollständig zerstört. Fischerei findet wieder statt, aber die vor der Katastrophe vorhandene Industrie – Fischverarbeitung und Schiffbau – wurde vollständig zerstört. 50% der arbeitsfähigen Bevölkerung sind ohne Arbeit. Der Ort steht nun vor der Aufgabe, eine neue Stadt zu bauen, die für junge Menschen attraktiv ist und Arbeitsplätze bietet, in der sich aber auch alte Menschen wohl fühlen können.

Die Einnahmen von Tampopo gehen konkret an zwei Projekte in Onagawa.

1. Im Zentrum werden provisorisch und mit einfachen Mitteln ca. 30 Geschäfte für einheimische Produkte, Lebensmittel und Alltagsgegenstände sowie Lokale für die regionale Gastronomie gebaut. Dies soll helfen, die hohe Arbeitslosigkeit in Onagawa mittelfristig zu reduzieren und gleichzeitig ein öffentliches Leben wieder möglich zu machen.

2. Nach dem Erdbeben von Kobe 1995 gab es viele alte Menschen, die sehr einsam gestorben sind, weil sie ihre vertraute Umgebung und das soziale Gefüge der Nachbarschaft verloren hatten. Um das zu vermeiden, soll im Stadtzentrum ein Treffpunkt für sie eröffnet werden, wo man sich austauschen und gegenseitig unterstützen kann.